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Thread: SPIEGELonline-Kritik zu "The End"

  1. #1
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    Jun 2009
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    Exclamation SPIEGELonline-Kritik zu "The End"

    Es ist vollbracht. Da liegt er nun, Jack Shephard, der Erlöser, mit einer blutenden Wunde in seiner Seite. Die Kamera ruht ein letztes Mal auf seinem Auge, so wie ganz zu Anfang, vor 120 Folgen, vor sechs Jahren. Diesmal aber schließt sich das Auge - und wir haben es hinter uns. Die vor der Kamera, die berühmt und zum Teil auch reich geworden sind, und die vor dem Fernseher, sechs Jahre älter als zu Beginn.

    Jacks Geschichte ist auserzählt, gemeinsam mit seinen Insel-Bekanntschaften hat er in der Parallelwelt, die sich nun als eine Art herzerwärmendes Fegefeuer erweist, auf den Holzbänken einer Kirche Platz genommen, um ein letztes Mal abzuheben, weiterzureisen in das weiße Licht, das man in Hollywood immer dann erstrahlen lässt, wenn einem sonst nichts mehr einfällt.

    Dass die Erlösten nun allesamt auffahren in den Himmel nimmt man gelassen hin. Das Interesse für die Figuren scheint den Machern im Laufe der sechsten Staffel ein bisschen abhanden gekommen zu sein, und so ging es auch uns Zuschauern. Aber schließlich musste ja eine herkulische Erzählaufgabe erledigt, all die losen Enden aus 120 Episoden zu einem schlüssigen Ganzen zusammengeknotet werden.

    Das ist halbwegs gelungen - aber erwartungsgemäß nur, weil viele Fragen einfach offen bleiben (siehe dazu die Übersicht der offenen Fragen und Antworten aus Staffel 6). Jack opfert sich, Hurley wird Herrscher der Insel, der schwarze Rauch, ein gefallener Mensch, ist tot, ebenso wie sein besserer Bruder Jacob, der für all die gekreuzten Lebenswege der Absturz-Überlebenden verantwortlich ist (wie auch immer er das genau geschafft hat). Der Weltuntergang ist verhindert, Sawyer, Miles, Claire, Kate, Richard und der Pilot Lapidus fliegen mit dem Ajira-Flugzeug davon, in eine private Zukunft, von der wir nichts erfahren.

    Was die Insel aber wirklich ist, was die Dharma-Initiative tatsächlich erreichen wollte, was es mit der Nummernfolge 4-8-15-16-23-42 auf sich hat, wer den Tempel baute und warum das Eiland zuweilen durch die Zeit zu springen scheint - alles nicht mehr so wichtig offenbar.

    Nur die Liebe zählt

    Am Ende geht es dann eben doch wieder mehr um Jack, Kate, Sawyer und Hurley als um die Insel und das große Ganze. Das große Epos endet mit dem kleinen Glück: Sayid und Shannon, Sun und Jin, Sawyer und Juliet, Claire und Charlie und - schließlich und endlich - auch noch Jack und Kate.

    Die Botschaft, die nach all den Irrungen und Wirrungen übrig bleibt, ist international und überkonfessionell konsensfähig, wie es sich für eine Hollywood-Produktion gehört: Nur die Liebe zählt.

    J.J. Abrams und Damon Lindelof, die Produzenten der Serie, erlauben sich dazu einen finalen Scherz mit ihrem Publikum: Nicht, wie so oft spekuliert, die Insel ist eine Vorhölle/ein Fegefeuer/eine Traumwelt, sondern die eigentlich so real wirkende Flash-Sideways-Welt. 16 Folgen lang werden die Figuren durch dieses Zwischenreich gehetzt, das sich am Ende als nicht viel mehr als eine aufwendige Einladung zum Klassentreffen entpuppt.

    Ein Zwischenreich mit zum Teil reichlich absurden Attrappen - etwa einem fiktiven Sohn für Jack. Obwohl Eltern-Kind-Beziehungen in "Lost" immer eine zentrale Rolle gespielt haben, ist auch der Nachwuchs gegen Ende nur noch narrative Verfügungsmasse. Claires Sohn Aaron wird noch einmal geboren - als bloße Erinnerungsstütze. Und Jin und Sun interessierten sich schon bei ihrem Ableben in Folge 15 nur noch füreinander, nicht mehr für ihre Tochter. Aber wo ein so rohes Werkstück wie "Lost" glattgehobelt wird, da fallen eben Späne.

    Auf dem Weg in die Kirche werden alle Töpfchen nach und nach mit den passenden Deckelchen ausgestattet, jedes designierte Pärchen bekommt noch mal einen überbelichteten, musikalisch überhöhten Zusammenschnitt seiner gemeinsamen Höhepunkte. Das war schon 1988 ein Klischee, als Zucker-Abrahams-Zucker die "Romantik in zwei Minuten"-Szene in der "Nackten Kanone" bitterböse persiflierten .

    Eine Batterie an Insiderwitzen

    Aber wenn man will, kann man auch in der Überhöhung all der Pärchenbildungen am Ende von "Lost" ein Augenzwinkern entdecken. Überhaupt haben die Autoren die letzte Folge mit einer ganzen Batterie an Insiderwitzen und Anspielungen ausgestattet, die Erwartungen des Publikums, wiederkehrende Plotelemente, die Mühsal der komplizierten Geschichte werden von den Figuren selbst immer mal wieder mit launigen Sprüchen thematisiert. Lieblingsmoment der "Lost"-Blogger von SPIEGEL ONLINE: Locke alias das Rauchmonster gibt sich erstaunt, als Jack sich ihm als Nachfolger des Inselhüters Jacob präsentiert - "You're sort of the obvious choice!" In der Tat - aber dann hatten die Autoren ja doch noch eine Wendung in petto.

    Damit die letzten 100 Minuten "Lost" die nötige Weltenende-Wucht bekommen, haben die Autoren des Finales, Damon Lindelof und Carlton Cuse, noch einmal ganz tief in die Symbolkiste gegriffen, das Abschlusskapitel ist randvoll mit religiöser Metaphorik: der einsame Held und Dirigent des Finales, Desmond, stützt sich auf einen Stock wie Moses. Jacks Wundmale erinnern an die von Jesus, dazu die Motive Vergebung, Auferstehung und, mutmaßlich, ewiges Leben. Damit sich niemand übergangen fühlt, ist die entscheidende Szene, in der die letzten Erklärungen geliefert werden, an einem als religiös neutral markierten Ort inszeniert - obwohl Jacks Vater Christian Shephard (christlicher Hirte) heißt und das erlösende Vater-Sohn-Gespräch in einer Kirche stattfindet. Im Hintergrund strahlt ein Bleiglasfenster mit einer Vielfalt religiöser Symbole, Kreuz, Davidstern, Halbmond und so weiter. Das hier, so viel ist klar, ist eine überkonfessionelle Wartehalle, ein ideologisch neutraler Flughafen für den Start ins Jenseits.

    Was auf der geheimnisvollen Insel tatsächlich geschehen ist, war zwar bedeutsam - aber vor allem für die Protagonisten selbst. "Der wichtigste Teil deines Lebens war die Zeit, die du mit diesen Leuten verbracht hast", erklärt Christian Shephard seinem Sohn.

    Das ist nur folgerichtig: Schließlich hat "Lost" vor sechs Jahren als Charakterstück begonnen. In aufwendigen Flashbacks wurden die Figuren nach und nach vorgestellt und plausibel gemacht, sie arbeiteten sich von Staffel zu Staffel durch Genres, Vergangenheit, Zukunft und haufenweise popkulturelle Referenzen, waren mal gut und mal böse, mal heldenhaft und mal selbstsüchtig. Und weil das Ganze so erfolgreich war, mussten immer komplexere erzählerische Mittel eingesetzt werden, um den Plot weiter zu strecken. Zu den Flashbacks kamen Flash-Forwards, Zeitsprünge, Parallelhandlungen in verschiedenen Zeitebenen - zeitweilig war es eine echte Herausforderung, nicht den Überblick zu verlieren.

    Die Zuschauer zu Komplizen gemacht

    Dass all dies dann doch zu einem halbwegs homogenen Ende gebracht wurde, ist eine Leistung - "Lost" war immer auch offenkundiges "Work in Progress", die Fans der Serie debattierten über die Meta-Handlung, die privaten Schicksale herausgeschriebener Darsteller und die Erzähltechnik mindestens ebenso intensiv wie über den Plot selbst. Vielleicht ist das die größte Leistung, die man künftig mit dieser Serie verknüpfen wird: Indem sie so viel versuchten und so viel wagten, schafften es Abrams, Lindelof, Cuse und all die anderen, den Zuschauer einzugemeinden, zum Komplizen zu machen bei dem Versuch, die Sache sicher zu landen.

    Wie die Insel künftig regiert wird, was eigentlich mit dem übersinnlich begabten Walt geschehen und wo dessen Vater Michael abgeblieben ist, wird da fast schon zur Nebensache. Hurley als designierter Inselbuddha mit dem geläuterten Benjamin Linus als Sidekick ist eine konsensfähige Lösung, der Stöpsel ist wieder an seinem Platz, die Welt ist gerettet.

    Aber, um es mit Desmond zu sagen, was spielt das für eine Rolle: "Ihr werdet mich zu diesem Licht runterlassen. Ich werde woanders hingehen. An einen Ort, an dem wir mit denen zusammensein können, die wir lieben. Und nie wieder an diese verdammte Insel denken."
    See ya in another life, brother.

  2. #2
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    ja, das trifft's ganz gut
    viel zu viel wurde hier zum passtück gehobelt, was eigentlich nie zum passen gedacht war ...

  3. #3
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    Stimmt schon -- viel davon habe ich mir auch gedacht, der Rest kommt mir im Rückblick logisch vor. Die vielen offenen Enden waren wirklich schade.

    - Dr. Kalsow

  4. #4
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    Quote Originally Posted by Dr. Kalsow View Post
    Die vielen offenen Enden waren wirklich schade.

    - Dr. Kalsow
    Ja, und das obwohl seitens der LOST-Macher etwas anderes versprochen wurde...
    Is the ISLAND really done with us???

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